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Johannes Tschorrn

Die Höhlenwohnungen in Langenstein

Langenstein am nördlichen Harzrand bietet die einmalige Gelegenheit, die in Europa so selten gewordenen Höhlenwohnungen zu besichtigen. Die ältesten befinden sich auf dem Langen Stein, dem südlich vorgelagerten, langgestreckten, schmalen Sandsteinhöhenzug. Hier lag die ursprüngliche Altenburg, die der Linie der Burgen Heinrichs des IV. zugerechnet wird und ab 1151 als Burg Langenstein erwähnt, in die Kämpfe der Halberstädter Bischöfe mit Heinrich dem Löwen geriet. Zerstört, wieder aufgebaut, verbessert und erneuert, verlor sie im l6. Jahrhundert ihre Bedeutung und wurde nach der Plünderung durch die Schweden 1653 abgebrochen. Ihre Steine gingen in die Bausubstanz von Halberstadt und Langenstein.

 Die heute noch sichtbaren Reste der Burg ziehen sich fast über den gesamten,300 m langen Berg hin. Breite und tiefe Gräben schützten die Anlage und teilten sie in drei Abschnitte. Der Hohlweg durch die Burg wurde aus dem Sandstein geschlagen und an der Bergseite befinden sich die Zugänge und Treppen für die etagenweise angelegten Kammern und auch relativ großen, mehrräumigen Wohnungen. Man erkennt die rauchgeschwärzten Feuerstellen mit ihren Abzügen, die kleinen Vorratskammern, die schlichten Schlafräume und an der dem Licht zugewandten Seite die Wohnzimmer. Sie waren getüncht und bemalt, zeigen Dübellöcher der hier einst verkeilten Wandbretter und Möbel. Nischen für die Beleuchtung und Fenster- und Turöffnungen.

 Da der Sandstein relativ weich ist, konnte man seine Wohnung beliebig formen und erweitern. Beiderseits des Weges entstanden auch Ställe unterschiedlicher Größe samt Futtertrog in einem Stück ausgehöhlt für Schweine, Ziegen und Hühner. Wo der Berg steil zum Dorf hin abfällt, liegen sogar eingetiefte, kleine Gartenparzellen mit schöner Aussicht über Dorf und Park. Nur Wasser gab es da oben nicht. Man mußte es aus dem Teich holen.

 Wie alt die Kammern und Hohlräume sind, läßt sich nicht belegen. Die meisten stammen sicher aus der Burgenzeit, andere sind wohl nacheinander bei Bedarf entstanden. Einzig die bis 1916 genutzte Höhlenwohnung des W.Rindert zeigt über dem stilisierten Sandsteingiebel die Jahreszahl 1787. Nach der Wende machten es die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen möglich, die Burganlage vom Wildbewuchs zu befreien, die Strukturen der Burg und Höhlenwohnungen z.T. frei zu legen, brüchige Teile zu sichern und die zugeschlämmten und überwucherten Gräben wieder sichtbar zu machen. Dabei wurde auch der Hohlweg durch die Burg bis auf den Grund freigelegt, sodaß man wieder die eingetieften Wagenspuren der vergangenen Jahrhunderte sieht. Auch Rindert's Höhlenwohnung mit Hausverblendung, Vordach, Hausnummer 11 und den Stallanlagen wurde wieder hergestellt. Leider wurde die mit soviel Fleiß und gutem Willen wieder zugänglich gemachte Burganlage durch die allgegenwärtigen Chaoten aufgesucht, sodaß immer wieder aufgeräumt und nachgebessert werden muß.

 Langenstein wurde auch in die Geschichte des III. Reiches einbezogen. In seiner Nähe liegt das ehemalige KZ Lager Langenstein-Zwieberge. Man sieht dem landschaftlich so reizvollen Tal seine mörderische Vergangenheit nicht mehr an, wären da nicht die restaurierten Reste des Lagers mit der Mahn- und Gedenkstätte. Ab 1944 mußten Häftlinge des Aussenkommandos Buchenwald in nur 11 Monaten ein 12 Km langes Stollensystem mit einer Grundfläche von 730 OOOm2 in den Quadersandstein der Spiegels- und Thekenberge treiben. Die Stollen waren bis zu 6 m hoch und breit und sollten die bombensichere Produktion der Junkers Flugzeugwerke sichern.

 Bei dem MALACHIT genannten Projekt wurden 7000 Menschen zu Tode geschunden. Deshalb ist 1998 der Reichsbahnstollen mit einem Teil der dahinter liegenden Strecke wieder zugänglich gemacht und dem KZ Museum Langenstein-Zwieberge angeschlossen

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Die Wohnhöhlen auf dem Schäferberg - ein einmaliges Museum
Nach der Wende gab es plötzlich alles zu kaufen und die übliche Vorratswirtschaft mit Viehhaltung und etwas Landwirtschaft für den Eigenbedarf erwies sich als zu aufwendig und unnötig. Felsenkeller und -Ställe und als solche genutzte Höhlenwohnungen verloren ihre Bedeutung und stehen nun ungenutzt offen. Somit wurden auch auf dem Schäferberg drei nebeneinander liegende Höhlenwohnungen frei, die schon auf der bekannten Zeichnung von E. Krell zu sehen sind.

 Die Gemeinde Langenstein erkannte die einmalige Chance, mit Hilfe der ABM die Traditio
n der Höhlenwohnungen wieder zu beleben und der Nachwelt zu erhalten. Die Räume wurden entrümpelt und gesäubert, die von Unkraut überwucherten wannenartig eingetieften und ummauerten Vorgärten wieder freigelegt. Türen und Fenster sind inzwischen erneuert, die Schornsteine auf der begrasten Felsenkuppe nach alter Vorlage wieder aufgemauert und am 6.X.98 mit der Inneneinrichtung begonnen. 

Die erste Wohnung liegt neben einer verschlossenen Stalltür. Die Sandsteinfassade besitzt zwei Fenster, eines davon sogar mit einem Blumenkasten davor, der aus dem anstehenden Felsen gehauen wurde. Davor liegt der 6,50 m lange und ca. 2 m breite, durch eine Aufmauerung vom Weg abgegrenzte Vorgarten. Die Haustür führt in einen gerade verlaufenden,7 m langen Flur, von dem nach rechts und links je zwei Raume abgehen. Der erste Raum rechts war das Wohnzimmer, welches mit dem dahinter liegenden, merkwürdig schief angelegten Raum durch ein großes Lichtfenster in der Wand verbunden ist. Die beiden Kammern links vom Flur sind kleiner und dunkel, die vordere durch den verrußten Kamin in der Ecke als Küche erkennbar. Draußen davor noch ein kleiner Vorgarten. Die sich anschließende zweite Wohnung besitzt wieder den üblichen Vorgarten, hat aber neben der Haustür nur ein Fenster. Die Raume sind kleiner wie in der ersten Wohnung. Das Wohnzimmer ist mit der dahinter liegenden Küche durch eine nur 65 cm breite Tür und ein Lichtfenster verbunden. Die Küche kann aber auch vom Flur her betreten werden. Der kleine, niedrige und dunkle Schlafraum liegt hinter der Küche, wohl um deren Wärme noch zu nutzen. Der Wohnraum zeigt noch Löcher für die Verkeilung von Wandregalen und Farbreste, wobei die Tünche um die Möbel herum gestrichen wurde. Ein rotbrauner Farbstreifen trennt die Wände von der Decke. Auf der gegenüherliegenden Seite und durch den Flur getrennt befinden sich zwei Kammern. Die Hintere bekommt noch über einen Fensterdurchbruch vom Flur her etwas Licht. Rückwärtig ist sie durch eine Ausbuchtung erweitert. Die vordere Kammer ist lichtlos. Beide haben wie das Schlafzimmer nur eine Deckenhöhe von 1,60 m, Wohnzimmer und Küche dagegen 2,20 m. Auffällig ist noch eine im Flur eingemeißelte Jahreszahl. Die dritte Ziffer ist im oberen Anteil etwas lädiert. Sie könnte eine 3, eher aber eine 5 darstellen - also 1858.

 Nach mündlicher Überlieferung hat 1913 der damals 71-jährige Langensteiner Lehmann als Kind gesehen, wie Christian Sander sich auf dem Schäferherg die erste Wohnung aus der Sandsteinkuppe meißelte. Sein Bruder hat sich dann ebenfalls dort eine Wohnung geschaffen.(Nach E. Schaffranek 1989) Die dritte nun zugängliche Wohnung besteht aus drei nebeneinander liegenden Zimmern. Der mittlere Raum mit der Haustür ist die Küche mit Kamin, im vorderen Bereich durch Türen mit der angrenzenden, je mit einem Fenster versehenen Räumen verbunden. Die Küche hat für den Wärmeaustausch noch zwei Öffnungen. Nach rechts eine 60 cm breite, im oberen Drittel schief verlaufende Türspalte, nach links, dicht über dem Erdboden, ein 50 X 50 cm großes Fenster. In der linken hinteren Ecke dieses Raumes liegt noch eine kleine Vorratskammer mit Rauchfang die vom Nachbargrundstück zugänglich ist und genutzt wird. Auffällig ist bei zwei Wohnungen die sorgfältige 8earbeitung der Flurenden, bei Wohnung 2 sogar mit eingetiefter, flacher Nische. Ein aufhellender Spiegel wäre hier sinnvoll und denkbar. Wir dürfen uns die Höhlenwohnungen nicht als Elendsquartiere vorstellen. Sie gaben Sicherheit und Geborgenheit, waren im Sommer kühl und im Winter relativ warm. Die Blumenkästen und Vorgärten zeugen vom Schönheitssinn ihrer Bewohner. Otto Grashoff,l987 zweitältester Langensteiner, hat mich damals herum geführt, mir viel gezeigt und erzählt, woran er sich noch aus der Kindheit erinnert. Um diese Zeit starben die letzten Höhlenbewohner des Schäferberges, der Drehorgelspieler Ludjen Schmidt und seine Frau. Ihre Behausung ist heute verbrochen,doch trägt der Eingang eine Erinnerungstafel.

LUDWIG SCHMIDT * 1829 1910 KAROLINE SCHMIDT * l825 1909

Auf dem gegenüber liegenden Burgberg lebte für 3 Thaler Jahresmiete noch der Letzte seines Stammes und zeigte gegen geringes Entgelt seine Höhlenwohnung dem interessierten Publikum. l9l6 zog Rindert hier aus,1919 starb er. Da die Reisebücher über den Harz Langenstein als einziges Höhlendorf Europas anpriesen, konnte eine original eingerichtete Höhlenwohnung erhalten und vorgezeigt werden. Krieg und Nachkriegszeit änderten alles. Die Erhaltung des Lebens stand nun im Mittelpunkt. Der Tourismus spielte keine Rolle mehr. Die Höhlenwohnungen wurden Vorratskammern und Ställe, brachen z.T. ein und wurden verschüttet. Durch die Initiative des Dorfes wird nun die Vergangenheit wiederbelebt und wir wünschen allen die dabei mitwirken eine glückliche Hand.

Johannes Tschorn, 38855 Wernigerode

Literatur
Tschorn.Höhlenwohnungen in Langenstein, Harzmuseum Wernigerode, l987, Heft 17/18
Tschorn, Langenstein und die Familie von Branconi
Veröffentlichungen des Städtischen Museums Halberstadt 26
Nordharzer Jahrbuch,Band 18/19 1995

Höhlenforschung in der DDR                                                                                         

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